Eine Flut von gelben Karten?
Dienstag, Juni 20th, 2006Diese WM appelierte Joseph S. Blatter an die Schiedsrichter, die Spieler (vor allem die Stars, die lebendes Kapital sind) besser zu schützen und bei Regelwidrigkeiten wie etwa Ellbogenschlägen, Fouls von hinten, brutalen Tacklings, Trikotzerren, Spielverzögerung und Simulation konsequent durchzugreifen. Die Schiedsrichter haben diesen Appell zu Recht ernst genommen und pfeifen nun nicht nur sehr viel ab, sondern zücken auch ganz gerne die erstmals 1970 verwendete gelbe Karte.
Um herauszufinden, ob der Eindruck, es gebe mehr Karten denn je, falsch oder richtig ist, hat Blogwerk die Statistik der Fifa von 2002 der bisherigen Statistik von 2006 gegenübergestellt. Um die Daten vergleichen zu können, wurden alle aufgelaufenen Karten pro Team zusammengezählt und durch die bestrittenen Spiele geteilt. Als Beispiel: Deutschland musste im aktuellen Turnier 3 gelbe Karten in 2 absolvierten Spielen einstecken, was einen Schnitt pro Spiel von 1,5 ergibt. Als Beispiel von 2002: Die Türkei holte sich in 7 absolvierten Spielen stolze 19 gelbe Karten, was einen Schnitt pro Spiel von 2,71 ergibt.
Rechnet man nun alle diese Karten pro Spiel zusammen und teilt sie wieder durch die Teilnehmer, kommt auf den Kartenschnitt pro Turnier:
gelbe Karten 2002: 2,15
gelbe Karten 2006: 2,58 (nach zwei Spielen der Vorrunde)
rote Karten 2002: 0,14
rote Karten 2006: 0,16 (nach zwei Spielen der Vorrunde)
Der Eindruck trügt also nicht. Auch wenn diese WM (von den Kung-Fu-Künsten bei Portugal-Iran einmal abgesehen) eher fair verläuft, werden die Spiele von vielen Karten unterbrochen. Ebenfalls fällt auf, dass die Zeit, in der sich Spieler erholen konnten (nach einem Ballwegschlagen, bei einer Zeitverzögerung, bei Diskussionen mit dem Schiedsrichter) nun wegfällt und stattdessen nach eher harmlosen Fouls eingezogen wird, in dem die Spieler auf dem Feld liegenblieben. Der faire Gegner spielt den Ball ins Aus, damit das Publikum den ebenfalls fairen (den Ball nachher zurückspielenden) Gegner beklatschen kann. Der Versuch, ein attraktives Spiel noch attraktiver zu gestalten, ist also vorerst daran gescheitert, dass auch Fussballspieler keine Übermenschen sind. Statt Reklamationen sehen wir mehr medizinische Betreuung. Statt Ballwegschlagen die Bahre. Herr Blatter, wie wäre es mit einer Praxisgebühr?










